Der Bulle und Ich
Es war einmal, so wie es sich für jede gute Geschichte gehört, ein heißer Morgen im August 2006. Bei lauschigen 27° Wassertemperatur in der fließenden Ems hatten wohl alle Karpfen mehr mit Überleben als Fressen zu tun und so beschloss ich, die Zeit zu nutzen und noch mal den Karpfenbestand in ein paar Teichen unter die Lupe zu nehmen. Schon bei der ersten Stelle hatte ich Glück: Ca. 20 Fische sonnten und dösten an der Oberfläche. Dann fiel mein Blick (und zeitgleich meine Kinnlade) auf ein absolutes Monster – fast doppelt so groß wie alle anderen Fische am Platz! Ich war mir auf die Entfernung aber nicht mal sicher, ob da nicht vielleicht zwei Fische hintereinander standen oder ich in der Gluthitze schon leicht halluzinierte…
Am folgenden Wochenende verfestigte sich allerdings der Verdacht: Ich versuchte mich am benachbarten Teichstück im Satziklatschen auf Sicht, als ein Karpfenkollege mit extrem lauten Bissanzeigern und noch extremeren Sonnenbrand zu mir rüberbrüllte, er habe einen Fünfziger gesehen und den werde er an diesem Wochenende noch fangen. Obwohl er mit seinem Gebrülle meinen Ansitz ruiniert hatte, war ich sehr zuversichtlich, dass auch er den Dicken gesehen hatte. Seine „optimistische“ Schätzung konnte ich zwar nicht ganz teilen, und er hatte während der vergangenen drei Tage nix gefangen, aber das sollte mir nur Recht sein… Danach allerdings war der Fisch absolut von der Bildfläche verschwunden und sollte erst im Oktober wieder auftauchen:
Meine Examensarbeit neigte sich ihrem Ende zu und ich eigentlich auch! Gegen eine schnelle Nacht konnte da doch wohl niemand etwas haben… Ich fuhr also direkt von der Schule ans Wasser und beschloss, dem Teich einen Besuch abzustatten. An dem Nachmittag waren die Bedingungen perfekt und ich war auf Wolke 7 mit ebenso vielen Fischen. Das änderte sich allerdings gegen 17.00 Uhr schlagartig: Ich hatte gerade einen absoluten Raritätsfisch in Form eines 20er Schuppis 5m neben meinem Futterplatz gesackt, als plötzlich der Riese von rechts herangepaddelt kam. Neben dem Sack stehend, konnte es an seinen Ausmaßen keinen Zweifel geben. Ich stand also mit Schockpuls regungslos da und überlegte schon, ob ich an der Rute sein könnte, bevor er das urwaldartige Kraut erreichen würde. Hätte ich aber nicht gebraucht, denn der Fisch, den ich seitdem wegen seiner Schultern den Bullen nannte, schwamm anders als seine 7 Kollegen vorher einfach lustlos über den Futterplatz und verschwand im Grün. In diesem Moment wurde er zum Zielfisch für 2007.
Über den Winter feilte ich an einer Strategie: Nächte schieden aus, weil das dichte Kraut mich schon bei zwei knappen 20ern zu semi-erotischen Badeaktionen gezwungen hatte, die ich nachts und allein nicht unbedingt wiederholen wollte. Aus diesem Grund sollte der Angriff auch schon früh im Jahr starten. Außerdem wollte ich ufernah auf Sicht fischen, weil es zum einen mehr Spaß macht und ich so zum anderen mehr Kontrolle über die gefühlten 1000 minderwüchsigen Mitbewohner des Bullen haben würde. Das Frühjahr lief dann (natürlich) absolut nicht nach Plan: Eine geistig umnachtete Behörde hatte zu der wohl dämlichsten
Abholzaktion aller Zeiten geblasen. Zwischen den wahllos herumliegenden Ästen, Büschen und Baumkronen lösten sich meine Überlegungen und der Traum vom Bullen in Luft (oder besser Holz) auf; Die Herbststellen waren vernichtet, das Wasser grün wie Erbsensuppe und Horden von Vereinskollegen nutzten ihre neu gewonnene Freiheit, um so viele Satzis abzuknüppeln, wie sich auf ihre Futterspiralen mit Dosenmais stürzten. Nach zwei Futtertouren und vier „Petris“ zu toten Karpfen wendete ich mich also erstmal einem anderen Teich zu, an dem es auch sehr gut lief.
Mitte April hatte sich das Blatt dann gewendet, der Ausweichteich bekam immer mehr Druck und die Wohnung des Bullen hatte genügend (oder nicht mehr regelmäßig genug) Kühltruhenbewohner hergegeben. Mit Thomas Hilfe räumte ich also zwei kleine Verstecke frei, gerade groß genug für eine Rute und Abhakmatte. Diese Plätze bekamen auf dem Weg zu anderen Gewässern immer mal wieder eine recht großzügige Portion Partikel ab. Schnell wurde deutlich, dass die Karpfen sie annahmen und so beschloss ich an einem Samstagnachmittag Mitte April, einen ersten Versuch zu wagen. Die Rute war noch keine 30min. platziert, da kam tatsächlich aus dem Nichts der Bulle angeschwommen. Anders als noch im Herbst stürzte er sich sofort auf das Futter und fraß wie ein Irrer! Er tanzte auf dem Kopf, kaute und wirbelte, wodurch das Wasser bald merklich eingetrübt war. Das war auch besser, weil ich wie gelähmt da saß und nicht mehr hinsehen konnte: Er würde hängen, jeden Moment! Dann plötzlich schoss die Rute ab und ich hechtete panisch hin – der Bulle fraß aber weiter – häh? Oh nein! Ein 15pfünder, den ich total übersehen haben musste, hing am Haken und machte meine Chance für diesen Tag zunichte!
Zehn Tage später kam ich in der Hoffnung auf eine neue Chance wieder. Zunächst tat sich nicht viel, dann kamen ca. sechs Satzis, die allerdings nur hier und da mal ein paar Körnchen aufnahmen und keine große Gefahr für meinen Hakenfrolic darstellten. Und dann war er urplötzlich wieder da: Durch die bevorstehende Laichzeit oder die recht üppige Partikeldiät mit ordentlicher Wampe ausgestattet, legte er sich zwischen die wuselnden Untertanen auf den Futterplatz und fing regungslos an, den Platz nach und nach leer zu saugen. Das letzte, was auf dem Platz lag, war mein Hakenfrolic; durch die Vorfachlänge 10cm vor dem Rüssel des Bullen gestoppt! Diese 10cm lohnte scheinbar der Frolicring nicht, weil der Bulle sich langsam rückwärts vom Platz zurückzog und mich mit Gedanken über Harpunieren und Ausstopfen im Kopf zurückließ… Eine Stunde später ließ er sich dann noch mit zwei Kollegen im Schlepptau an meinem zweiten Platz blicken, fraß dort aber nicht mehr. Nachdem der kleinere der beiden Gefährten sich hakte, beschloss ich, die Heimreise anzutreten und den ersten Platz, der schon sehr (vielleicht zu) offensichtlich geworden war, ruhen zu lassen.
Dann, am 16.05. war es soweit: Ich war um 9.00 am Wasser und konnte den Bullen nirgends sehen. Also zunächst mal beide Plätze gefüttert, diesmal etwas weniger dicht, um die Fische zum Bewegen zu zwingen. Der eigentlich verbrannte Platz wurde zuerst angenommen. Ein mittlerer Fisch stellte sich ein und fand sich 20min. später auf meiner Matte wieder. An meinem Ausweichplatz konnte ich danach gerade noch sehen, wie sich ein Zwanziger zurückzog und entschied mich deshalb schnellstens für einen Umzug. Mit meiner Rute am Platz angekommen erstarrte ich, weil inzwischen 5 Fische am Platz waren - darunter der Bulle! Um die Fische nicht zu verscheuchen, stand ich eine halbe Stunde hinter einem Busch und musste machtlos mit ansehen, wie nach und nach im aller Ruhe das Futter vom Platz verschwand. Als nur noch ein wenig Futter übrig war, verschwand der Trupp und ich nutzte den Moment, um mein 15cm Snakebite Combirig, als Blowback gebunden, am unteren Ende der Uferkante zu platzieren und ein wenig nachzufüttern. Zum Glück kamen sie zurück und der 15er nahm zu meinem Entsetzen sofort den Hakenboilie - den er danach mühelos mit einem Kopfschütteln wieder ausspuckte. Als er dies zum dritten Mal wiederholte, wich die anfängliche Freude einer gewissen Ratlosigkeit. Die nächste Fresspause wurde trotzdem für ein paar kleinere Änderungen genutzt: Ich verkürzte das Vorfach auf 10cm, ersetzte das 3oz Blei durch ein 5oz Pendant und wechselte in Erinnerung an die Saugaktion auf einen ausbalancierten Hakenköder. Damit ich im Notfall das nun unfehlbare Rig (haha) vor dem 15pfündigen Leibwächter wegziehen konnte, fütterte ich nur Partikelsud, der außerdem den Futterneid etwas anheizen sollte. Zumindest dieser Teil des Plans ging auf, denn nach kurzer Zeit wühlte sich der Bulle die Uferkante hoch; Zwei kurze Pieper und ich wollte gerade zur Rute springen, als ich sah, dass er nur das Leadcore mit den Brustflossen aufgegabelt hatte. Ob deswegen oder durch meine Bewegung beunruhigt, zog er sich zurück, kam aber kurz darauf wieder, vermutlich durch seine munter weiter nach Futter suchenden Kollegen animiert. Ich hatte inzwischen wegen der quälenden Ungewissheit, ob „er“ wieder zurückkommen würde resigniert und dachte, ich würde ihn niemals fangen können. Zwei kurze Pieper rissen mich aus diesen Gedanken - der Bulle stand regungslos am Platz, unter ihm das 5oz Blei, und stülpte heftig mit dem Maul – offensichtlich gehakt! Ein beherzter Anschlag in letzter Sekunde und der Tanz ging los. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, aber jetzt, als ich diesen, „meinen“ Fisch endlich am Haken hatte, fiel irgendwie alles von mir ab und wurde egal. Die erste Flucht brachte mich aber schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, weil trotz äußerst straffer Bremse Meter um Meter in einem Tempo von der Rolle gerissen wurde, das nicht zu fassen und leider zunächst auch nicht zu stoppen war. Nach 20 Sekunden war die fünfzig Meter entfernte Buschreihe am gegenüberliegenden Ufer zur ernsten Gefahr geworden und, voll auf die Dehnung der 45er vertrauend, ich blockierte mit der Hand die Spule. Der folgende Kampf spielte sich glücklicherweise auf halber Distanz an der Oberfläche ab, doch dann marschierte er auf mein Ufer zu und setzte sich im Kraut bombenfest. Diese Zwangspause nutzte ich, um ins Wasser zu springen und um einen Busch am eigenen Ufer herumzuwaten, damit er später nicht zur Gefahr werden könnte. Außerdem versicherte ich dem großen Drillpartner in den Wolken, dass ich viel öfter in die Kirche gehen und ein besserer Mensch würde, wenn er mich nur diesen einen Fisch landen ließe. Hierdurch (oder den günstigeren Winkel…) reichte schon ein wenig Zug und ein bierkistengroßer Krautklumpen tauchte auf. Dahinter eine enorme Karpfenplatte, die sich ohne eine Flosse zu rühren in den Kescher ziehen ließ.
Als er im Netz lag, geschlagen, brach ein ohrenbetäubender Urschrei aus mir heraus und jeder Rest Zivilisation verabschiedete sich. Ich hatte ihn. Die Jagd war vorbei.
Danke Thomas für die Anfüttertouren und den „Stellenbau“, Bernd für die Fotos, Dirk für die Geheimhaltung pikanter Fotos, Franz für die Sache mit dem Anschlag, Marco für Fairness bei der Stellenwahl und abschließend Jessi, die, wie meistens, das letzte Wort haben soll:
„Du hat gesagt, Fische sind dumm. Das ist ja wohl auch nur ein Fisch. Also geh hin und fang ihn doch einfach endlich!“